Call for Papers: CaNoFF Tagung zum Thema „Rhythmus, Macht und Subversion: interdisziplinäre und frankophone Perspektiven“

Vom 5.-7. November 2026 an der Europa-Universität Flensburg
Internationale Tagung des Campus Nord für Frankreich und Frankophonie (CaNoFF) 

Rhythmen sind allgegenwärtig in kulturellen, gesellschaftlichen und in naturgebundenen Zusammenhängen: Ein Gedicht, ein Musikstück oder die Sprache als Ganzes, der Herz- und Biorhythmus, die Menstruation oder die Jahreszeiten sind ebenso wie gesellschaftliche Zeit-Räume von bestimmten Rhythmen, z.B. der Arbeit, Freizeit oder Wahlperioden geprägt. Auch wenn die Definitionen von Rhythmus je nach Fachdisziplin sehr unterschiedlich ausfallen und die Abgrenzungen von Begriffen wie „Zeit“, „Taktung“ oder „Zyklus“ keineswegs immer trennscharf verlaufen, lässt sich doch eine Minimalbestimmung ausmachen, die als Ausgangspunkt der Tagung dienen soll: Während Zeit das Medium ist, ist Rhythmus die konkrete Organisation dieses Mediums. Rhythmen beinhalten folglich immer eine relationale Dimension: „Rhythmus drückt Verhältnisse aus, die sich auf Anordnungen aus Wiederholungen, Abweichungen und Verschiebungen beziehen.“ (Schmolinsky 2018, 1) Rhythmus entsteht aus Wiederholung mit Differenz (Dewey 1980) und ist im Gegensatz zum Takt weder rein mechanisch noch völlig frei, sondern verbindet Regelmäßigkeit und Variation. In gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten kann Rhythmus insofern als gestaltete Zeit mit der performativen Möglichkeit zur Verschiebung und Subversion von verfestigten Zeitregimen und Taktungen begriffen werden. Aus einer solchen Perspektive kommen einerseits Räume der Macht und Kontrolle des Rhythmus in den Blick, die, wie in kolonialen, aber auch gegenwärtigen Ausbeutungsstrukturen, keine oder kaum Rhythmusabweichungen zulassen; andererseits können bestehende Möglichkeiten zur Transformation der Rhythmen, zur Subversion hegemonialer rhythmischer Muster, die in anderen Kontexten durchaus bestehen, analysiert werden. 

Epistemologische wie ästhetische Reflexionen über Rhythmus aus dem frankophonen Raum sind besonders reich an Ansätzen und Artefakten zur Rhythmus-Thematik und eröffnen damit ein interessantes, gesellschaftlich relevantes und weites interdisziplinäres Feld an Fragestellungen und Untersuchungsgegenständen. Roland Barthes ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Ausgangspunkt mit seinen philosophisch-soziologisch geprägten Überlegungen zum Spannungsfeld von gesellschaftlichen und individuellen Rhythmen. Unter dem Neologismus „Idiorrhythmie“ fragte er danach, wie der Rhythmus des Einzelnen in eine Balance mit einem Leben in Gemeinschaft zu bringen sei (Comment vivre ensemble ?, 1976/1977). Eine ähnliche Denkrichtung schlägt Henri Lefebvre in seiner Rhythmusanalyse des Lebens im Stadtraum ein (2013). Auch Foucault (1975), Bourdieu (vgl. Vogel 2015) und Agamben (2005, 2008) haben die Macht des Rhythmus ausgehend von der Herrschaft spezifischer Zeitregime untersucht (Taktung von Arbeit, Ausnahmezustände, Krisenrhythmen) untersucht und Fragen nach Rhythmus, Gesellschaft, Macht und Subversion gestellt. Ein einschlägiger, im deutschsprachigen Raum noch wenig rezipierter Theoretiker der Rhythmusthematik ist Henri Meschonnic. Er analysiert unter dem Begriff Rhythmus die Organisation der Bedeutung im Diskurs (1982) aus transdisziplinärer Perspektive. In Abgrenzung von strukturalistischen Modellen hebt er dabei besonders die Stimme, den Körper und die Präsenz des Subjekts als zentrale Dimensionen einer historisch und ethisch aufzufassenden Politik der Sprache hervor. Deutlich globaler ausgerichtete, transdisziplinäre und postkoloniale Perspektive eröffnen Achille Mbembe (2013) und Dipesh Chakrabarty (2021). Während Mbembe, die Konvergenz von Rassismus und Kapitalismus mit seinen westlichen Zeitregimen im Kolonialismus und in der globalisierten Gegenwart kritisiert, denkt Chakrabarty Rhythmus im Kontext von Anthropozän und Planetarität als Konfliktzone von Zeitlichkeiten. Ihm zufolge entsteht Macht dort, wo schnelle Rhythmen (z.B. Sekunden, Quartale im Kapitalismus; Wahlperioden in der Politik) über langsame Rhythmen (Generationen in der Gesellschaft, Jahrtausende in Bezug auf Klima/Erde) herrschen.

Aber nicht nur epistemisch-abstrakt, sondern auch auf der Ebene der kulturellen Artefakte und Praktiken bietet der frankophon geprägte Raum eine Vielzahl an interessanten Gegenständen aus verschiedensten Epochen, die sich mit der Rhythmusthematik verbinden lassen: Lyrische Formen unterscheiden sich durch Metrum und Klangwiederholung, und auch frühneuzeitliche Frömmigkeitspraktiken (Gebet, Betrachtung, Gesang)  können performativ oder metaphorisch von Wiederholung, Taktung und Akzentuierung des Ein- und Ausatmens geprägt sein. Im Symbolismus wird der Rhythmus, die musikalische Bewegung der Sprache, die feine Verschiebung von Klang, Pause und Atem zum Kern poetischer Wirkung („De la musique avant toute chose“, Verlaine, Art poétique, 1874). Prousts literarische Transposition von Bewusstseinsbewegungen folgt sprachlich dem mäandernden Rhythmus des Erinnerns, Fühlens und Denkens. Rhythmus kann auch zum kulturellen Identitätsmerkmal und zum Moment des Widerstands gegen koloniale Unterdrückung und asymmetrische Machtstrukturen werden, wie z.B. im eruptiven, atemartigen, an orale Traditionen und Musik rückgebundenen Sprachrhythmus Césaires, der diesen Rhythmus mit dem Konzept der „Négritude“ verband. Im Film, wie die Nouvelle Vague zeigte, sind Rhythmus und besonders rhythmische Brüche wesentliche Gestaltungselemente. Insbesondere Godards diskontinuierlicher, pulsierender filmischer Erzählrhythmus lässt sich als Versuch lesen, Gegenwartsnähe und -kritik miteinander zu verbinden. Bei Beckett und Duras entsteht der textuelle Rhythmus v.a. durch Wiederholung, Stille, Auslassung und Fragmentierung und in Maylis de Kérangals Roman Réparer les vivants (2014), in dem es um eine Herztransplantation geht, folgt die Textästhetik dem Rhythmus der biologischen Zeit. Auch in der Musik vom französischen Chanson über den Rap bis hin zu Sängerinnen wie Zaho de Sagazan (s. Titel „Aspiration“), in der bildenden Kunst mit Sonia Delaunays „Rythmes colorés“ oder mit seriellen Kunstformaten lassen sich viele Beispiele finden, an denen sich die Gestaltung von Rhythmus und dessen affirmative oder eben machtkritische Dimensionen aufzeigen lassen.

Ausgehend von solchen Theoriekontexten und Beispielen aus der kulturellen Praxis zeigt sich, dass Rhythmus, betrachtet als gestaltete Zeit, ein überaus lohnendes Forschungsfeld darstellt. Die Tagung setzt sich zum Ziel, Aushandlungsprozesse zwischen heterogenen, konfliktären oder auch subversiven Rhythmen aus einer machtkritischen Perspektive inter- und transdisziplinär zu analysieren. Dabei soll der frankophone Raum in seiner ganzen kulturellen Vielfalt und Hybridität sowie im transkulturellen Austausch mit anderen sprachlich-kulturellen Räumen im Zentrum stehen. Beiträge aus allen Disziplinen, gerne auch in diachroner, transversaler und komparatistischer Perspektive, sind willkommen. 

Mögliche thematische Schwerpunkte sind:

  • Gestaltung von Rhythmus als Machinstrument und als Machtkritik
  • Takt- und Rhythmuskonzepte in frankophonen Kontexten und in vergleichender Perspektive
  • Kulturelle Reflexionen und Repräsentationen von Rhythmus 
  • Rhythmus der Sprache, Stimme und Literatur – machtkritische Dimensionen
  • Kadenzen und Frequenzen in Literatur, Musik und Physik
  • Rhythmus, Taktung, Flow in Kunst und Arbeit: Macht- und Freiheitsdimensionen des Rhythmus
  • Idiorrhythmie (individueller Rhythmus) als Widerstand und Eigensinn
  • Rhythmus/Sprachrhythmus als Machtinstrument sozialer und postkolonialer Hierarchisierung
  • Durchsetzung europäischer Rhythmusvorstellungen im Kolonialismus: Auswirkungen, alternative Rhythmuskonzepte und kulturelle Repräsentationen
  • Gender-Perspektiven auf männlich codierte Zeitlogiken und die Entwertung alternativer Rhythmusvorstellungen
  • Arrhythmie: Destruktive und konstruktive Rhythmusstörungen und ihre Repräsentations- und Diskursformen
  • Hegemonie des menschlichen Rhythmus im Anthropozän und die Folgen
  • Rhythmusgerechtigkeit, temporale Biopolitik 
  • Rhythmus in der Geschichte: zyklisch, linear, sprunghaft 
  • Politische Entscheidungsrhythmen und demokratische Prozesse
  • Rhythmus in Musik und Film als politische Selbstermächtigung im frankophonen Raum

Organisation – Einreichung: 
Die Tagung findet vom 5. bis 7. November 2026 an der Europa-Universität Flensburg (Deutschland) statt. Die Vorträge können auf Deutsch oder Französisch gehalten werden.

Wir bitten alle Interessierten, uns Vorschläge für einen 25-minütigen Vortrag (zuzüglich 15 Minuten Diskussion) zu unterbreiten. Bitte schicken Sie uns Ihren (vorläufigen) Vortragstitel, ein Abstract (ca. 1500–2000 Zeichen, einschließlich Leerzeichen und Literaturverzeichnis) sowie eine kurze biografisch-bibliografische Angabe (inkl. aktuelle institutionelle Zugehörigkeit) als pdf-Format an margot.brink@uni-flensburg.de und jan.rhein@uni-flensburg.de. Die Einreichungsfrist endet am 01.06.2026. Sie werden bis zum 15.06.2026 über die Annahme informiert. Eine Online-Teilnahme ist auf Anfrage möglich, falls eine Anreise nicht möglich sein sollte.

Die Tagung beginnt am 05.11.2026 gegen 13 Uhr und endet am 07.11.2026 gegen 14 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine finanzielle Unterstützung für Reise- und Unterkunftskosten wird beantragt, kann aber derzeit noch nicht bestätigt werden. Bei organisatorischen Fragen wenden Sie sich bitte an: jan.rhein@uni-flensburg.de.

Auswahlbibliographie  

Agamben, Giorgio (2005): État d’exception, Paris: Seuil.
Ders. (2008): Che cos’è il contemporaneo?, Roma: Nottetempo.
Ahmed, Sara (2004): The Cultural Politics of Emotion, Edinburgh: Edinburgh University Press.
Assmann, Aleida (2016): Vom vormodernen zum modernen Zeitregime: Shakespeare und Milton, Berlin: De Gruyter.
Barthes, Roland (1976/1977): Comment vivre ensemble ?, Paris: Éditions du Seuil.
Benveniste, Émile (1966): „La notion de ‘rythme’ dans son expression linguistique“. In: Problèmes de linguistique générale, Paris: Gallimard, pp. 327-335.
Chakrabarty, Dipesh (2021): The Climate of History in a Planetary Age, Chicago: University of Chicago Press.
Dewey, John (1987): Kunst als Erfahrung, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Foucault, Michel (1975): Surveiller et punir: Naissance de la prison, Paris: Gallimard.
Halberstam, Jack (2005): In a Queer Time and Place, New York: New York University Press.
Lefebvre, Henri (1992): Éléments de rythmanalyse. Introduction à la connaissance des rythmes, Paris: Éditions Syllepse.
Mbembe, Achille (2013): Critique de la raison nègre, Paris: La Découverte.
Meschonnic, Henri (1982): Critique du rythme. Anthropologie historique du langage, Lagrasse: Verdier.
Sharma, Sarah (2014): In the Meantime: Temporality and Cultural Politics, Durham: Duke University Press.
Schmolinsky, Sabine/ Diana Hitzke/ Heiner Stahl (Hg.) (2018): Taktungen und Rhythmen: raumzeitliche Perspektiven interdisziplinär, Bielefeld: transcript.
Vogel, Berthold (2015 [2009]): „Die Rhythmen des Sozialen“, Rhuthmos, 1. Februar 2015, https://www.rhuthmos.eu/spip.php?article1450 (31.3.2026).