Mate ni kani zu Besuch an der Universität Bremen 

Ein Bericht von Ella Schulz, Studentin der Romanistik an der Universität Bremen

Stellen Sie sich ich vor, Sie kommen in die Schule und sollen in einer Sprache lesen und schreiben, die sie nicht einmal mündlich beherrschen – so geht es vielen Kindern in Niger. Niger hat zwar durchaus eigene Nationalsprachen, sie sind in den Schulen jedoch nicht anerkannt. Die Konsequenz: Schulabbrüche und geringere Karrierechancen. Um dem entgegenzuwirken, fördert die nigrisch-deutsche Initiative Mate ni kani die nigrischen Nationalsprachen und entwickelt zweisprachige Kinder- und Jugendbücher in den einheimischen Sprachen und Französisch. Die gesamte Produktion dieser Bücher erfolgt in Niger, wodurch nicht nur lokale Autor*innen und Illustrator*innen unterstützt werden, sondern die Wertschöpfungskette und Wertschätzung im Land bleibt. Darüber hinaus fungiert Mate ni kani als Assoziation für Frauen und bietet diverse Seminare und Konferenzen an.

Einer der Internationalen Bremer Friedenspreises der Stiftung die schwelle geht dieses Jahr an Mate ni kani. In der Woche vor der Preisverleihung am 8. Mai bot sich Student*innen der Frankoromanistik die Möglichkeit, mit Vertreter*innen der Initiative ins Gespräch zu kommen. Bei einem Seminarbesuch konnten sie die vielfältigen Facetten der Arbeit von Mate ni kani kennenlernen. Sie erfuhren etwa, dass in Niger zehn Nationalsprachen gesprochen werden, die wiederum in Dialekte unterteilt sind. Diese Sprachen sind eng mit verschiedenen Ethnien verbunden und reichen zum Teil über die Landesgrenzen hinaus. Kamerun zählt zum Beispiel ganze 250 Nationalsprachen. Wer nun meint, dass das Französische dennoch als Schrift- und Bildungssprache benötigt würde, liegt falsch. Denn die Nationalsprachen sind allesamt standardisiert und lexikalisiert worden. Allerdings sind sie – und werden es noch heute! – kolonialistisch und rassistisch entwertet.

© Ella Schulz

Gegen eine solche Entwertung steuert nun die Initiative Mate ni kani. Bei der Diskussion erklärte Dr. Aissatou Bouba, dass die Anforderung des Französischen in Niger einen didaktischen Fehler darstellt, denn es wurde in der Kolonialzeit nicht als Bildungssprache, sondern als reine Befehlssprache eingeführt. Und auch nach der Kolonialzeit ist dieser Fehler nicht behoben worden. Französisch wird weiterhin als Fremdsprache behandelt: in den Schulen und Universitäten ist es zwar die Erstsprache, in den privaten Räumen der Nigrer*innen jedoch weiterhin die Zweitsprache… verständlicherweise.

Ein Schwerpunkt des Austauschs zwischen den Initiative-Mitarbeiter*innen und den Student*innen lag auf dem heutigen Bildungssystem in Niger. Mate ni kani unterstützt die Einrichtung zweisprachiger Schulen, in denen sowohl in den Nationalsprachen als auch auf Französisch unterrichtet wird. Dieses Konzept, das bereits seit den 1970er Jahren existiert, hat sich seit 2015 verstärkt durchgesetzt und es sind mittlerweile fast alle Nationalsprachen vertreten. Zudem sprechen viele nigrische Schüler*innen eine zweite Nationalsprache. Somit ist ihnen eine solide Grundlage für ihre Weiterbildung gegeben. Dennoch, so Bako Malam Abdou – einer der nigrischen Vertreter von Mate ni kani, der zu der Preisverleihung aus Niger angereist war – ist ein schulischer Werdegang mindestens bis zum collège nötig, um beide Sprachen auch schriftlich zu beherrschen. Auch bestehe der Wunsch nach Bildung für alle Kinder von allen Seiten – unabhängig vom Geschlecht oder dem Bildungsweg der Eltern. Die Herausforderung liegt also nicht in Kultur, Tradition, oder der Einstellung der Schüler*innen, sondern in der Verfügbarkeit von Material und finanziellen Mitteln. 

Die Diskussion zwischen den Beteiligten der Initiative Mate ni kani und den Student*innen der Universität Bremen hat gezeigt, wie der Austausch von Ideen und Erfahrungen die Perspektiven erweitern und neue Wege der Zusammenarbeit eröffnen kann. Die Zukunft von Mate ni kani sieht vielversprechend aus. Die Initiative strebt danach, die Nationalsprachen weiter zu stärken und Bildung für alle zugänglich zu machen. Am Ende bleibt die Frage, ob Französisch als offizielle Sprache überhaupt die besten Ergebnisse erzielen kann. Frankophonie bedeutet nun mal mehr als nur Französisch.